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Bühne | 1955
Das Lied der Laute



Premiere:22.10.1955
Theatertext: Gau Dsö Dschöng 1
Wilhelm Michael Treichlinger 2
Inszenierung: Walter Oehmichen
Puppenbau: Hannelore Oehmichen
Kostüme: Rose Oehmichen
Bühnenbild: Heinz-Gerhard Zircher
Musik: Hermann Amann
Musiker: Franz Schwerthöfer (Laute)
Hans Stöhr (Flöte)
Inhaltsangabe:
»Holz vom Zimmetbaum, Duft der Erinnerung, eine alte Laute voll erstorbener Klänge, glanzlos die Griffe aus Jade, staubbedeckt die Saiten, zittrig zirpend der Ton, ein nutzloses Ding. Rühre sie an ehrfürchtig, zärtlich und es blüht aus ihr wie einst.«
Man scheibt das Jahr des Affen. Durch die Fürsprache des befreundeten Nachbars Dschang, der als Schreiber für den höchsten Beamten des chinesischen Landkreises Tscheng Liu arbeitet, wird dem jungen, gelehrten und edelmütigen Bauern Tsai eine unerwartete Ehre zuteil. Er wird ausgewählt als einer der drei talentiertesten Männer des Landkreises an einem Wettbewerb teilzunehmen, dessen Bestreiter ein Amt am kaiserlichen Hof zusteht.
Nur schweren Herzens verlässt der junge Mann seine Heimat und überlässt Frau und Eltern sich selbst. Erst als diese ihm zureden zu gehen, stimmt er der Teilnahme zu.
Tsai besteht die Prüfungen mit Auszeichnung und erhält das Amt des kaiserlichen Zensors.
»Zehn Jahre verließ ich meine Bücher nicht. Als ich die Augen aufhob fand ich mich berühmt. In seidenen Gewändern werde ich als erster von 120 Glücklichen die Hauptstadt durchschreiten und Ehrenwein an kaiserlicher Tafel trinken. Dies alles lässt mein Herz nicht höher schlagen. Stolz bin ich erst, wenn sich die Eltern freuen.«
Gerade diese müssen jedoch zur gleichen Zeit, in der Tsai nicht aus der Hauptstadt fortgelassen wird, gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter Wu-niang Schreckliches erleiden. Nicht nur die Ungewissheit über den Verbleib ihres Sohnes und Gatten nagt an den drei geliebten Menschen. Auch eine Hungersnot beutelt die Bevölkerung in der Provinz.
Als sei dies nicht Sorge genug, hat Tsai mit einem weiteren Unglück zu kämpfen. Der von seinen Fähigkeiten beeindruckte Hofmarschall wünscht den neuen Würdenträger mit seiner Tochter Niu-schö zu vermählen und beschließt diesen Akt ohne Rücksicht auf Tsais persönliche Gefühle. Trotz aller Versuche ist die Heirat nicht abzuwenden. So kommt der Tag des Hochzeitszuges und der Bräutigam fügt sich verzweifelt in sein Schicksal.
Die Jahre vergehen und derweilen sterben im Landkreis Tscheng Liu unzählige Menschen hungers, da der oberste Beamte den gelagerten Reis aus Habgier nicht austeilt. So auch Tsais Eltern. Nur Wu-niang ist noch am Leben und begräbt gemeinsam mit Herrn Dschang die Leichname.
»Ein Reiskorn in Zeiten des Überflusses ist nichts, ein Reiskorn in Zeiten der Not ist kostbar wie ein Edelstein. Die Helmbuschbohnen überwachsen den Dornbusch, die Wunde breitet sich über die Ebene aus. Mein Liebster ist von mir gegangen. Bei wem soll ich bleiben? Ich bleibe allein. Sommertage, Winternächte. Nach vielen vielen Jahren werde ich wieder bei ihm sein.«
Vor dem Nichts stehend beschließt Wu-niang selbst in die Hauptstadt zu reisen und nach ihrem Mann zu suchen. Sie findet ihn, doch begreift sie seine unglückliche Lage und ist unsicher, ob sie sich ihm nähern darf, ohne ihn zu gefährden. Sie entschließt sich dagegen, macht aber auf der Suche nach einer Anstellung als Magd die Bekanntschaft von Niu-schö, die ihren Mann und seine erste Frau wieder vereint und so sein, ihr und das eigene Glück wieder herstellt.
»Den Weisen ohne Buch, den Geduldigen ohne Ziel, den Vergänglichen ohne Zeit, den Großen ohne Namen. – Holz vom Zimmetbaum, Duft der Erinnerung, eine alte Laute voll erstorbener Klänge. Rühre sie an erfürchtig, zärtlich und es blüht aus ihr wie einst.«


Bühnenbild und Szenenfolge:
Vorspiel
01.Bild: Tsai's Garten
02.Bild: Halle im Yamen des Kreisbeamten
03.Bild: Tsai's Garten
04.Bild: Vor der Stadt
Zwischenspiel
05.Bild: Landstraße
06.Bild: Halle der Schildkröte
Zwischenspiel
07.Bild: Herberge -Tsai's Zimmer
08.Bild: Treppe im Kaiserpalast
09.Bild: Niu-schö's Boudoir
10.Bild: Straße vor dem Palast des Niu
11.Bild: Tor des Palastes des Niu
12.Bild: Garten mit Brücke
Zwischenspiel
Pause
13.Bild: Halle im Yamen des Kreisbeamten
14.Bild: Freies Gelände
15.Bild: Das Grab in den Bergen
Zwischenspiel
16.Bild: Innenhof vor Tsai's Studierzimmer
17.Bild: Wu-niang's Wanderung in die Hauptstadt
18.Bild: Tor des Bergtempels
Zwischenspiel
19.Bild: Niu-schö's Boudoir
20.Bild: Tsai's Studierzimmer
21.Bild: Der Kaiserpalast
Nachspiel
Figuren und Sprecher:
Tsai
Manfred Jenning
Wu-niang, seine Frau
Rose Oehmichen
Oberster Beamter des Landkreises Tscheng Liu
Walter Schellemann
Dschang, Tsais Nachbar und ein Schreiber
Hanns-Joachim Marschall
Tsais Vater
Max Bößl
Tsais Mutter
Margot Schellemann
Talent 1: Herr Wang, Sohn des reichsten Mannes im Landkreis
Ernst Josef Ammann
Talent 2: Herr Hsiang, 70 Jahre alt, weißbärtig
Max Bößl
Ein Fuhrmann
Ernst Josef Ammann
Niu, Kaiserlicher Hofmarschall
Walter Oehmichen
1. Prüfer
Hanns-Joachim Marschall
2. Prüfer
Ernst Josef Ammann
1. Türsteher mit Hellebarde
(stumm)
2. Türsteher mit Hellebarde
(stumm)
Frau Wu, behördliche Heiratsvermittlerin
Rose Oehmichen
Obereunuche des Kaisers
Walter Schellemann
1. Sänftenträger
(stumm)
2. Sänftenträger
(stumm)
Niu-schö, Tochter des Hofmarschalls
Vera Beutel
Ihre Amme
Ursel Oehmichen
1. Reiter
(stumm)
2. Reiter
(stumm)
Ein Torhüter
Hanns-Joachim Marschall
Ein Mandarin
Walter Oehmichen
Bittsteller Tiu, ein Blinder
Hanns-Joachim Marschall
Ein tauber Bittsteller
Manfred Jenning
Der Büttel
Max Bößl
Ein Bettelmönch
Max Bößl
Ein Gaukler
Hanns-Joachim Marschall
Ein Krüppel
Manfred Jenning
Diener
(stumm)
Der Sohn des Himmels, Kaiser von China
Walter Oehmichen
Schutzgeist (Schattenspiel)
Walter Oehmichen
Affe (Schattenspiel)
Max Bößl
Tiger (Schattenspiel)
Manfred Jenning
Vögel (Schattenspiel)
(stumm)
Wolke (Schattenspiel)
(stumm)
Produktionsdaten:
13.10.1955, 15:00 Uhr: Lese- und Stellprobe
14.10.1955, 09:30 Uhr: Probe
17.10.1955, 09:30 Uhr: Probe
17.10.1955, 18:00 Uhr: Probe
18.10.1955, 09:30 Uhr: Probe
18.10.1955, 18:00 Uhr: Probe
20.10.1955, 15:00 Uhr: Probe
21.10.1955, 09:30 Uhr: Probe
21.10.1955, 19:00 Uhr: Hauptprobe
22.10.1955, 09:30 Uhr: Generalprobe


Bild 1: Herr Tsai und seine Frau Wu-niang in ihrem Garten
[© Fotostudio Meile]

Bild 1: Tsai und Wu-niang nehmen Abschied
[© Fotostudio Meile]

Bild 7: Mutter Wu, die Heiratsvermittlerin, informiert Tsai über die bereits arrangierte und vom Kaiser abgesegnete Eheschließung zwischen ihm und der Tochter des Hofmarschalls Niu.
[© Fotostudio Meile]

Bild 8 : Der Obereunuche am Hof des Kaisers weigert sich Tsais Bittgesuch, das die Eheschließung abwenden soll, dem Kaiser vorzulegen, da er es für Tsais Versuch hält, sich bessere Konditionen für den Ehevertrag zu erschleichen.
[© Fotostudio Meile]

Bild 9: Niu-schö, die Tochter des Hofmarschalls, sieht vom Fenster in ihrem Boudoire aus den Hochzeitszug nahen.
[© Georg Birzele]

Bild 12: Durch Tsais Lautespiel kommen er und seine zweite Gattin Niu-schö sich näher, denn die Klänge der Saiten sprechen zu ihr von all dem Kummer und der Verzweiflung, die Tsai nicht über seine Lippen kommen lässt.
[© Fotostudio Meile]

BIld 12: Niu-schö sucht im Garten des Palasts ihres Vaters Hofmarschall Niu das Gespräch mit Tsai und konfrontiert ihn mit ihrem Gefühl, dass eine nicht ausgesprochene Bürde zwischen ihnen stehe.
[© Fotostudio Meile]

Bild 12: Niu-schös Hoffnung, sie könne dem Gatten einen Teil der Last, die ihn bedrückt, abnehmen, wird enttäuscht, denn er kann sich nicht überwinden, ihr sein Herz auszuschütten.
[© Georg Birzele]

Bild 19: Niu-schö empfängt unwissentlich die erste Gattin ihres Mannes in ihrem Boudoire als diese sich als Dienstmagd bewirbt.
[© Fotostudio Meile]

Bild 20: Endlich sind durch Niu-schös Güte und Weisheit die drei Menschen wieder vereint, die zusammen gehören. Tsais Augen füllen sich mit Freudentränen. Er kann Niu-schö und Wu-niang nicht mehr von einander unterscheiden. Sie sind eins.
[© Fotostudio Meile]

Bild 21: Durch ein Schreiben Tsais von dessen Rücktrittsgesuch und den zurückliegenden Ereignissen informiert, gibt der Sohn des Himmels seinem Obereunuchen Anweisungen, die Tsai, seinen Gattinen und dem Schreiber Dschang zu Ehren gereichen sollen.
[© Fotostudio Meile]

Kritiken/ Pressestimmen:
In China sagt man, die Kerze, die Gau Dsö Dschöng leuchtete, sei vor Mitleid zerschmolzen, als er im Jahr 1367 das Pi-ba Dji schrieb und auch heute noch berührt diese wundervolle Ballade eines glücklichen und tragischen Schicksals die Menschen.
So war auch folgender Artikel anlässlich Walter Oehmichens Inszenierung des Stoffes zu lesen:
Im Augsburger Marionettentheater:
Das fernöstlich-liebliche »Lied der Laute«
Einen so kultivierten Marionettenspieler wie Walter Oehmichen muss es längst schon gereizt haben, einmal die Welt Chinas zu beschwören, so wie sie uns in chinesischen Dramen, die ja fast alle dramatisierte Erzählungen sind, entgegentritt. Von des Konfuzius hohem Familienethos bestimmt, ist es eine Welt voll lyrischer zarter Verhaltenheit der Gefühle, voll edler Gesittung des Umgangs, schönheitsinnig, heiter, gelassen. Wir abendländischen, so kulturbewussten Europäer kommen uns bei ihrem Anblick jedesmal wieder reichlich barbarisch vor und lassen uns nur zu gern, wenigstens stundenweise, von ihr seelisch veredeln. Dass in allen diesen Stücken die abgrundtiefe Korruptheit der chinesischen Staatsmoral humorvoll und weitschweifig angeprangert wird, schmälert keinesfalls das hohe Ansehen des Einzelindividuums, sondern beruhigt uns nur hinsichtlich gewisser ähnlicher staatsbürgerlicher Eigenerfahrungen.
Das »Lied der Laute«, etwa seit dem 14.Jahrhundert bekannt, gilt als Juwel chinesischer Theaterliteratur. Nach Gau Dsö Dschöngs »Pi-ba Dji« hat es W.M.Treichlinger (dem wir auch die Übertragung von Tsui Tschis »Geschichte Chinas und seiner Kultur« verdanken, das als eines der besten Werke seiner Art zu empfehlen ist) für unser Sprachempfinden untadelig übersetzt. Rührend, erregend, erheiternd klingt die Fabel von dem armen, aber hochgelehrten Herrn Tsai an unser Ohr, der ob seiner Weisheit in den höchsten Rang der Staatsämter aufstieg und dabei seine beiden Frauen unglücklich machte: die erste, die er, zusammen mit den geliebten Eltern, des Amtes wegen verlassen, die zweite, die er auf kaiserlichen Befehl dazu heiraten musste. Erst der Edelmut beider Frauen, die sich wechselseitig und dem Gatten gegenüber in gleicher Liebe zugetan sind, schenkt ihm schließlich das Glück vollendeter Familien- und Seelenharmonie. Ja, in China geht das so.
Kaum kann sich das »Lied der Laute« stilvoller hören und sehen lassen, als es hier der Fall ist. Die Puppen Hannelore Oehmichens haben alles an Grazie, Eleganz, charakteristischem Profil, dessen sie bedürfen. Kein echter Schauspieler könnte zudem dem Wesen dieses Spiels so nahe kommen, wie das Wesen der Marionette es vermag. Bezaubernd in ihrer Ausgewogenheit wirken der Wechsel der Stimmungselemente, der unentwegt rege Fluss der Handlung. Regie, die da ist, ohne bemerkt zu werden, ist immer Regie»kunst«. Die Kostüme Rose Oehmichens leben mit den besonders reizvollen Details der Bühnenbilder Heinz-Gerhard Zirchers einen aparten, feinen Farbenklang. Nur den feststehenden Hintergrund hätte man sich malerisch etwas reizvoller gelöst denken können, und etwas weniger als feste Kulissen. Die Laute, über der wir zwei wunderschöne Hände bewundern und die so bestimmend den Ton angibt, schlägt nach empfindsamen, melodischen Einfällen Hermann Ammans, Franz Schwerthöfer. Die Flöte bläst mit östlicher Anmut Hans Stöhr.
Das Marionettentheater hat für diese Saison wieder seine große Attraktion.
(Thea Lethmair für die Augsburger Allgemeine am 26.10.1955)
Bezüge zu anderen Produktionen:

Wurde verfilmt als
A) 1956: Das Lied der Laute

   1 chinesische Originalfassung Pi-ba Dji
   2 deutsche Nachdichtung des altchinesischen Spiels von Gau Dsö Dschöng von 1367
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